Vogel Phönix, kennst Du ihn nicht? Den Vogel des Paradieses, des Gesanges heiligen Schwan. Auf dem Tespiskarren saß er wie ein geschwätziger Rabe und schlug mit den schwarzen, hefetriefenden Flügeln. Über Islands Sängerharfe glitt des Schwanes roter, klingender Schnabel; auf Shakespeares Schultern saß er wie Odins Rabe und flüsterte ihm ins Ohr: Unsterblichkeit.
Andersen
Zur Entwicklung des berühmtesten Feuervogels
Sprichwörtlich ist er in unsere Sprache verewigt: der Phönix, der sich am Ende seines Lebens selbst verbrennt und aus seiner eigenen Asche wiedergeboren wird.
Der Phönix ist ein Feuervogel unter vielen: Der Vogel Roch flattert durch die Reiseberichte von Marco Polo, in Ägypten fliegt der Benu im Auftrag des Sonnengottes über den Nil und der slawische Feuervogel erstrahlt in den Märchen des slawischen Ostens. Was unterscheidet den Phönix von all seinen Brüdern? Und woher kommen die Geschichten, die sich um ihn ranken?
Obwohl sein Name ein geflügeltes Wort ist, wirft die Herkunft des „Phönix“ Fragen auf: Das griechische Wort ϕοῖνιξ (phoinix), was wir bereits bei Homer und Hesiod finden, ist, so schlussfolgert der Philologe Rainer Henke, möglicherweise auf das frühmykenische po-ni-ke/po-ni-ki-pi zurückzuführen, was sich auf den Greifen, einen anderen in der Kultur wichtigen Wundervogel, bezieht und auf einen Zusammenhang beider Gestalten deutet (vgl. Henke, Phönix, S. 16ff). Ebenfalls denkbar ist jedoch, dass sich der griechische Phönix aus dem ägyptischen Benu entwickelte. Die beiden Wundervögel haben einige Gemeinsamkeiten; beide haben ein schimmerndes Federkleid und gehen am Ende ihres Lebens in Flammen auf, um dann aus einem Ei in der Asche neu geboren zu werden. Andere wichtige Motive des Benus fehlen dem Phönix dagegen vollkommen: Der ägyptische Wundervogel ist an den Sonnengott Ra gebunden und agiert als Psychopomp, als Totenbegleiter. Zudem wird er meist als Bachstelze, als Reiher oder goldener Falke mit Reiherkopf dargestellt, während der Phönix meist als feuerfarbender Adler erscheint. Der ägyptische Einfluss auf das Wesen der griechisch-römischen Mythologie kann nicht völlig ausgeschlossen werden, wenn es auch schwierig ist, den einen sicher auf den anderen zurückzuführen. Verwunderlich wäre dies mit einem Blick auf die Beziehung zwischen der griechischen und ägyptischen Welt nicht: Schon seit der Antike bestanden zwischen den griechischen Stadtstaaten und dem Land am Nil jahrtausendealte enge Handelsbeziehungen und nicht selten inspirierte die geographische Nähe Reise vom einem Kulturraum in den anderen. Zwischen Ägypten und den griechischen Staaten herrschte im ersten Jahrtausend vor Christi ein reger Kulturaustausch. Auch der griechische Historiker Herodot verirrte sich nach Ägypten und wusste in seinen Historien von so manchen Wundern zu berichten:
Noch einen anderen heiligen Vogel gibt es, den Phoinix. Ich habe ihn nur abgebildet gesehen; denn er kommt selten nach Ägypten, wie die Bewohner von Heliopolis erzählen, nur alle 500 Jahre. Er soll nur dann erscheinen, wenn sein Vater stirbt. Nach dem Bild sieht er groß und dergestalt aus: Ein Teil seiner Federn ist goldfarben, ein Teil rot. Im großen ganzen gleicht er dem Umriß und der Größe nach am ehesten dem Adler. Von seinem Tun erzählt man Dinge, die ich aber nicht ganz glaube: Er kommt aus Arabien geflogen und bringt die Leiche seines Vaters mit, in Myrrhen gehüllt, zu dem Heiligtum des Helios, wo er sie begräbt. Den Leichnam trägt er folgendermaßen: Zuerst formt er ein Ei aus Myrrhe so groß, daß er es noch tragen kann; er versucht dann, es aufzuheben. Nach dieser Probe hält er das Ei auf und legt die Leiche des Vaters hinein. Dann verschließt er die Aushöhlung, in die er den Vater gelegt hat, mit weiterer Myrrhe. Jetzt ist das Ei samt dem eingefügten Vater ebenso schwer wie vorher. Dies sind die Erzählungen über diesen Vogel.
Herodot, 2,73
Herodot ist damit nicht der Erste, der den Phönix beschreibt, kurze Bemerkungen finden wir schon bei Homer oder Hesiod, er hebt den Wundervogel jedoch endgültig aus der drohenden Vergessenheit in das Rampenlicht der Überlieferung. Der von ihm gelegte Faden wird später von dem römischen Dichter Ovid in seinen berühmten Metamorphosen aufgenommen. Dabei fügt er mehr Details dazu hinzu, wie sich der Phönix seinen eigenen Scheiterhaufen errichtet:
Die aber führen auf andres zurück den Ursprung der Art, doch / einen Vogel gibt’s, der neu sich gebiert und sich neu zeugt: / Phönix nennen ihn die Assyrer. Er lebt nicht von Korn und / Kräutern, sondern von Tränen des Weihrauchs und Saft des Amomum. / Hat er fünf Jahrhunderte seines Lebens vollendet, / baut er sogleich auf Ästen im Wipfel der schwankenden Palme / selbst mit den Krallen und seinem reinen Schnabel sein Nest, und / hat er dann dort aus Kassia, Ähren der schmiegsamen Narde, / Stücken von Zimt und gelblicher Myrrhe die Streu sich bereitet, / legt er sich selber darauf und beendet in Düften sein Leben. / Hierauf, heißt es, entsteht aus dem Körper des Vaters ein kleiner / Phönix, dem ebenso viele Jahre zu leben bestimmt sind. / Hat ihm das Alter die Kraft, die Bürde zu tragen, verliehen, / hebt von den Ästen des hohen Baums er die Last seines Nests und / trägt seine Wiege getreulich davon und das Grab seines Vaters, / kommt durch die leichten Lüfte zur Stadt Hyperions und legt das / Nest im Haus Hyperions ab vor der heiligen Pforte. / Steckt aber schon hierin etwas Wunderbares und Neues.
Ovid, XV, S. 771
Ovid ist nicht der einzige Römer, der einen Blick auf den Phönix geworfen hat: Bei Plinius begegnet er uns wieder als Adler, Tacitus führt ihn zurück in seine ägyptische Heimat, wo Pomponius Mela ihn einen Myrrhezweig ablegen lässt.
Gebunden an Motive von Feuer, Wiedergeburt und Unsterblichkeit schleicht sich der Phönix leicht in die christliche Lehre und damit endgültig in die Kultur ganz Europas: Im Physiologus (2. bis 4. Jh n. Chr.), einer frühchristlichen Naturlehre, welche das mittelalterliche Bild der Natur (als christliche Allegorie) prägt, wie kaum etwas anderes, taucht der Phönix ebenfalls auf: Hier stammt er aus Indien und erneuert sich regelmäßig in den Wäldern des Libanon. Bei den Kirchenvätern wird der Phönix zu einem Symbol der Keuschheit und des Opfertodes Christi, für den beständigen Glauben und das ewige Leben im Jenseits. Dabei wird der Phönix ikonographisch mit einem Feuerkranz und einem Palmenzweig dargestellt und in der mittelalterlichen Literatur mit einem feuerhaltigen Stein verbunden. Der unsterbliche Feuervogel verbindet sich dabei mit einem Gegenstand, der ebenfalls Unsterblichkeit und Wunder verspricht: der heilige Gral, dem oft heilende Fähigkeiten zugesprochen werden. Eine Beschreibung der Verbindung von Phönix und Gral finden wir beispielsweise in Wolframs von Eschenbach Parzival (1200), in der die Wunderhaftigkeit beider Elemente von dem Einsiedler Trevrizent (der am Ende der Geschichte zugibt, in Bezug auf den Gral, hier als Stein mit dem pseudolateinischen Namen lapsit exillîs benannt, mehrfach gelogen zu haben) betont und verbunden wird:
si lebent von einem steine: / des geslähte ist vil reine. / hât ir de niht erkennet, / der wirt iu hie genennet. / er hiezet lapsit exillîs. / von des steines craft der fênîs / verbrinnet, daz er ze aschen wirt: / diu asche im aber leben birt. / sus rêrt der fênîs mûze sîn / unt gît dar nâch vil liehten schîn / daz er schone wirt als ê.
Sie erhalten Speise und Trank von einem makellos reinen Stein, und wenn Ihr bisher noch nichts von ihm gehört habt, wird er Euch jetzt beschrieben. Er heißt Lapsit exillis. Die Wunderkraft des Steines läßt den Phönix zu Asche verbrennen, aus der er zu neuem Leben hervorgeht. Das ist die Mauser des Phönix, und er erstrahlt danach ebenso schön wie zuvor.
Pz, IX, 469, 3-13
Der Phönix selbst hat bei Wolfram also keine Wunderkraft, sondern erhält diese erst durch den Gral, der diese wiederum, wie an andere Stelle des Romans deutlich wird, vom Himmel erhält. Der Phönix ist damit erneut an etwas Göttliches gebunden, wenn auch, anders als in der Antike, in der er ein Gottesbote war, nur noch mittelbar; über ein reliquienähnliches Ding. Zudem wird hier betont, dass der Phönix in Flammen aufgehen (eigentlich auch „fallen“) muss („sus der fênis mûze sîn“), um dann schön wie zuvor zu erstehen. Das notwendige Leiden vor der Erlösung wird so in den Fokus gestellt – ein urchristlicher Gedanke, der nun an das ursprünglich nicht christliche Motiv herangetragen wird.
Als Symbol der Wiedererneuerung fungiert der Phönix auch in der Alchemie und ist hier als Zeichen für Umwandlung, Vernichtung und Neubildung an einen weiteren berühmten Stein gebunden: den Stein der Weisen, der, wie der Gral, Heilung oder sogar ewiges Leben spenden soll.
Was dem Phönix in der Antike im Vergleich zum Benu fehlte, die Funktion als Psychopomp und die Verbindung zum Jenseits nimmt er viel später doch auf: Im Märchen ist er (zum Teil als dämonische Figur) an Jenseitsmotivik gebunden oder nimmt eine Funktion als Ratgeber oder MacGuffin ein, wobei seine Einzigartigkeit im Fokus steht. In Varianten von „Das Wasser des Lebens“ schickt der alte König beispielsweise seine Söhne los, um eine Feder des Phönix zu holen. Erneut wird er in diesem Märchen-Typus, wie bereits zu Beginn und in seiner Verbindung mit dem Heiligen Gral, an Motive der Wiederauferstehung, Heilung und Unsterblichkeit gebunden. Bereits im 16. Jahrhundert wurde der Physiologus ins Russische übersetzt; die Historikerin Juliette Wood vermutet, dass der Phönix somit auch das Motiv des Zhar-Ptitsa, des Feuervogels, der Teil vieler slawischer Märchen ist, beeinflusst haben könnte (vgl. Wood, Creatures, S. 117). Hier wird besonders die Helferfunktion betont, die wiederum eine Rolle in Märchen der Grimm wie Der golden Vogel spielt. Meist handelt es sich in Märchen jedoch um Wundervögel, die dem Phönix zwar durchaus ähnelt, nicht aber mit ihm gleichzusetzen sind; das Wort „Phönix“ taucht nicht zwingend auf, bestimmte Figuren sind jedoch „phönixhaft“ codiert. Wie eingangs festgestellt, sind die Wundervögel der Welt vielfältig und oft ist, besonders in Gattungen wie dem Märchen, die von keinem festen Kanon leben, wo das eine aufhört und das andere beginnt.
Der Phönix versprüht eine Faszination, die bis weit in die Neuzeit hält, nicht zuletzt bei dem berühmten Shakespeare, der das Motiv in einem Gedicht rund um keusche Liebe und unio mystica ausspielt. Wie auch bei Andersen (siehe Eingangszitat, hier ist der Phönix eine Metapher für die Dichtkunst) ist der Phönix auch in The Phoinix and the Turle (1601) ein arabischer Vogel, sein Feuer wird zur Metapher der Leidenschaft, seine Unsterblichkeit taucht jedoch nur in einem übertragenden Sinne auf; auf Textebene bleibt er tot:
So between them love did shine / That the Turtle saw his right / Flaming in the Phoenix‘ sight: / Either was the other’s mine. […] Death is now the Phoenix‘ nest, / And the Turtle’s loyal breast / To eternity doth rest, […] To this urn let those repair / That are either true or fair; / For these dead birds sigh a prayer.
Shakespeare
Ganz sicher scheint sich Shakespeare bei der Bedeutung des Feuervogels jedoch nicht zu sein; in Henry VIII nennt der die junge Königin Elizabeth the maiden phoeinx, eine Metapher, die auf ein Porträt von Nicholas Hilliard zurückgeht, auf der sie eine Krone in der Form eines Phönix trägt. Dieses soll zeigen wie die Britannien zum Aufschwung aus dem Feuer verhilft, erneut ist der Phönix ein Symbol für Kraft, Aufschwung und ein gewisses Auserwählt-Sein – ganz unpolitisch ist das Motiv dabei nicht.
Und heute?
Ist das Motiv des Phönix heute verbrannt, nur unsterblich in Erinnerung und Tod? Oder erhebt es sich immer wieder aus der Asche, wie es das schon seit Jahrtausenden tut? Die große Bedeutung, die der Phönix in der Ikonographie, Kunst und Kultur von Shakespeares Zeiten hatte, mag verloren sein, trotzdem begegnet und der Phönix immer wieder: in Sprichwörtern , als Fernsehsender, als Titel von Filmen (z.B. „Phoenix“ von Christian Petzold, 2014) und Liedern (z.B. „The Phoenix“ von Fall Out Boy, 2013) oder in seiner ursprünglichen Gestalt wie in den Fantasyromanen Harry Potter, in denen er namensgebend für die Gruppe von Widerstandskämpfern wird, die sich den dunklen Mächten mit Feuerkraft entgegensetzen – der Orden des Phönix. Der Feuervogel, der aus seiner eigenen Asche wiedergeboren wird, ist dabei für ein so altes Motiv erstaunlich statisch; er scheint sich kaum verändern zu müssen, weil er in seiner ursprünglichen Idee einen etwas verkörpert, was die Menschen aller Zeiten und Kulturen berührt: die Auseinandersetzung mit dem Ende und die Idee, dieses zu überwinden. Er erzählt von Hoffnung, Leben und Wiedergeburt und ist so in vielen Kontexten anwendbar. Es bleibt demnach interessant zu sehen, wo er das nächste Mal aus den Flammen aufsteigen wird.
Hier geht’s zum Weiterforschen
Verwendete und weiterführende Literatur
Andersen, Hand Christian: Vogel Phönix. In: Andersens Märchen, https://www.andersenstories.com/de/andersen_maerchen/vogel_phonix, abgerufen in 08.05.2023.
Bies, Werner: Phönix. In: Brednich, Rolf Wilhelm [u.a.] (Hg.): Enzyklopädie des Märchens. Bd. 2. Berlin, Bosten 2016. (Online). Letzter Zugriff: 01.05.2023.
Henke, Rainer: Der Vogel Phönix im Altertum. Mythos und Symbolik. Münster 2020.
Herodot: Historien (2 Bände, Griechisch-Deutsch). Hg von Josef Felix. Berlin, Boston 2011.
Krienitz, Lothar: Der Feuervogel Phönix. In: Ders.: Die Nachfahren des Feuervogels Phönix. Berlin 2018. S. 35–44.
Publius Ovidius Naso: Metamorphosen. Hg. und übersetzt von Niklas Holzberg. Berlin, Boston 2017.
Shakespeare, William: The Phoenix and the Turtle. In: poetry Foundation https://www.poetryfoundation.org/poems/45085/the-phoenix-and-the-turtle-56d2246f86c06, abgerufen am 09.05.2023
Wolfram von Eschenbach: Parzival. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzt und mit einem Nachtwort versehen von Wolfgang Spiewok. Band 2. Ditzingen 2019.
Wood, Juliette: Fantastic Creatures in Mythology and Folklore from medieval times to the present day. London 2018.
